Ausreden? Gibt's nicht - dank den Tipps von Boris Grundl

Wie führe ich mich selbst? Wie führe ich mein Team? Wie etabliere ich eine Unternehmenskultur? Der Start ins Unternehmertum braucht einen langen Atem und bringt neben ersten Erfolgserlebnissen auch zahlreiche Hindernisse und Niederlagen mit sich. Wir befragten den bekannten Coach und Trainer Boris Grundl zu den grossen Herausforderungen beim Start in die Selbstständigkeit und der neuen Rolle auf dem Chefsessel.

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Referent Boris Grundl

Herr Grundl, über Sie kann man lesen, Sie seien „das Ende aller Ausreden“. Gerade beim Start ins Unternehmertum kommen zahlreiche mitunter auch unangenehme, unbekannte und ungeliebte Tätigkeiten auf die Gründerinnen und Gründer zu. Wie gelingt es, diese Aufgaben ohne Ausrede anzupacken?
Indem ich mich jeden Tag dem wichtigsten Problem stelle. Wenn ich selbständig bin, habe ich die Freiheit mir zu überlegen, was ich heute tun möchte. Ich kann mich also fragen, was ich gerne tue. Oder ich überlege mir, was das Entscheidendste des heutigen Tages für mein Unternehmen ist. Und meistens sind die entscheidenden Dinge unangenehme Dinge. Erfolgreiche Leute priorisieren erfolgreich und erledigen wichtige und unangenehme Dinge direkt am Morgen, dann wird der Tag leichter. Die Frage, die ich mir stellen muss, lautet also: Was bringt das Unternehmen nach vorne? Und das mache ich dann zuerst. Wenn ich das nicht tue, fange ich schon an, mich mit Ausreden in eine nicht funktionierende Richtung zu manövrieren. Daraus entwickle ich schliesslich die Gewohnheit, dass ich das tue, was ich gerne tue und nicht das Entscheidende.

Wer den Sprung in die Selbstständigkeit wagt, braucht Disziplin und Selbstverantwortung. Was raten sie Unternehmern, die zwar eine gute Idee, aber wenig Disziplin haben?
Disziplin braucht man nur, wenn man noch keine Überzeugung hat. Wenn Sie überzeugt sind abzunehmen, dann essen Sie einfach weniger und brauchen keine Disziplin. Sie brauchen Disziplin bei den Dingen, die Sie nicht wirklich wollen oder bei solchen Dingen, von denen Sie denken, dass Sie sie machen müssten. Deswegen ist das kein Disziplin-Problem, sondern ein Wollen-Problem. Und wenn ich etwas wirklich will, dann brauche ich keine Disziplin. Das Entscheidende ist, dass ich weiss, was ich wirklich will. Wenn ich mich selbständig mache, habe ich ein bestimmtes Ziel. Das ist in Ordnung, aber richtig gut werde ich erst, wenn ich meine Berufung gefunden habe.

Für die Gründung und Etablierung der eigenen Firma braucht es einen langen Atem. Wie gelingt es, die oftmals schwierige Anfangszeit zu überstehen, ohne den Mut und die Motivation zu verlieren?
Sie müssen unterscheiden zwischen dem, was Sie grundsätzlich antreibt, also der grossen Idee, und dem Alltagsgeschäft. Und dann brauchen Sie Proviant für auf den Weg. Der Proviant sind die kleinen Erfolge. Diese haben im Grunde keine grössere Bedeutung, sind keine starken Ergebnisse, aber sie sind die Wegzehrung. Sie müssen also schauen, dass Sie dank der kleinen Erfolge Energie für den Moment haben und immer mal wieder den Kopf heben und überprüfen, ob Sie auf der Spur sind. Das Witzige ist, dass Sie manchmal über ganz andere Wege dorthin kommen, wo Sie hin wollen, als gedacht. Man muss sehr entspannt in dem sein, wie sich einem der Weg unter die Füsse schiebt. Behalten Sie die Idee im Auge und irren Sie nach vorne. Wie in einer Nebelwand zeigt sich plötzlich ein anderer Weg als geplant und dann muss man wach sein. Es gilt: Im Tag kleine Erfolge anstreben, die grosse Idee im Kopf behalten und immer offen sein für neue Ideen auf dem Weg.

Ist für die einen das Glas ständig halb voll, ist es für die anderen halb leer. Gibt es die angeborene Tendenz zur guten Laune oder ist Optimismus auch für Pessimisten lernbar?
Wer sagt denn, dass gute Laune immer toll ist? Die Gier nach guten Gefühlen ist eine Krankheit. Ich plädiere nicht dafür, immer positive Gedanken zu haben. Nehmen wir an, Sie haben drei Gedanken: Einer ist meist positiv, einer negativ, der Dritte ist bei Untrainierten auch meist negativ. Das heisst, es steht zwei zu eins. Bei trainierten Menschen sind zwei Gedanken positiv und einer negativ. Aber den einen negativen Gedanken brauchen Sie. Wenn alle drei nur noch positiv sind, dann nehmen Sie entweder Drogen oder sind kurz vor dem Durchdrehen. Es ist nicht gut, immer gute Gefühle haben zu wollen. Der Optimist sagt, das Glas ist halb voll, der Pessimist sagt, das Glas ist halb leer und der Realist kann beide Seiten sehen, wie er möchte. Mir ist Realismus lieber. Ich kenne viele Leute, die mit viel Optimismus in die Insolvenz schleudern. Das Positive und Negative, Kälte und Wärme, Sommer und Winter – es sind immer beide Aspekte wichtig, um einen möglich klaren Blick auf sich, auf Märkte und Unternehmen zu bekommen. Das ist eine mentale Disziplin, jenseits von Gefühlen.

Sie beschäftigen sich als Coach und Trainer aktiv mit Führungsfragen. Viele Jungunternehmer/innen werden mit der Gründung ihrer Firma quasi über Nacht zu Chefs. Welche Prinzipien sollten Jungunternehmer von Anfang an bei der Führung ihres Teams beachten?
Ich muss wissen: Wenn ich Verantwortung übernehme, ziehe ich erst mal immer alles an mich. Wenn ich mit meinem Unternehmen starte, bin das Zentrum, der Mittelpunkt, CEO, Briefträger und Öffner der Post. Und wenn mein Unternehmen wächst, ist es klar, dass erstmals trotzdem noch alles über meinen Schreibtisch läuft und ich vom Zentrum aus handle. Das kriegen manche auch ganz gut hin. Aber dann kommt ein Wachstumspunkt, der richtig schwierig ist: Der Moment, ich dem ich nicht mehr der Mittelpunkt bin, sondern anfange zu strukturieren, zu reorganisieren und Macht zu delegieren. Und das kriegen manche nicht hin und können deswegen ein gewisses Wachstum nicht mehr verkraften.
Ich kenne Startups, die sind in zwei Jahren von null auf 500 Mitarbeiter gekommen und sie haben rückblickend gesagt, dass sie sich noch viel zu sehr im Zentrum gesehen haben und nicht die Fähigkeit hatten, ein Team aufzubauen. Es ist also wichtig, am Anfang alles an sich zu ziehen und dann aber den Moment nicht zu verpassen, um mit dem Delegieren zu beginnen. Das ist der Unterschied zwischen einer Giesskanne und einem Brennglas. Die Giesskanne macht alles, was immer mal wieder vorkommen kann. Dazwischen muss ich aber lernen zu fokussieren, sodass ich irgendwann nur noch die für das Unternehmen entscheidenden Dinge tue. Wenn ich eine Giesskanne bleibe, ist das als Unternehmer für meine mentale Gesundheit tödlich.
 
Sie beschäftigen sich auch intensiv mit der Kultur in Unternehmen. Wie können Firmengründer und Gründerinnen von Anfang an eine eigene Unternehmenskultur definieren und etablieren?
Eine Kultur ist eine Form von Klima. Und das Klima ist eine wichtige Grundlage für jedes Unternehmen. Manche denken, ein Unternehmen sei eine Familie. Eine Familie hat viel Nähe, viel Wärme, aber nicht die Härte des Marktes und des Geldes. Deswegen machen manche den Fehler und sagen in ihrer Firma: „Wir sind jetzt eine Familie.“ Aber eine Firma ist keine Familie, sondern eine Form von Produkt. Und es sollte ein Treibhausklima vorherrschen, das heisst, Ergebnisse und Wachstum sollen entstehen, verbunden mit Anstrengung. In Ihrer Familie lassen Sie sich fallen, dort werden Sie geliebt für das, was Sie sind, ohne was zu leisten. Die Fachwörter dahinter sind Marktnorm und soziale Norm. Die soziale Norm ist hauptsächlich beziehungsmässig von der Familie getragen und die Marktnorm beinhaltet Leistung und Ergebnisse. Ich muss aufpassen, dass ich das sehr klar in meinem Kopf trenne. Das Klima muss positiv, professionell und kommunikativsein, allerdings muss ich aufpassen, nicht in eine zu grosse Nähe abzudriften. Das machen viele falsch.

Über Boris Grundl
Boris Grundl erlitt als 25-Jähriger einen Unfall und ist seither als erfolgreicher Kongressredner, Autor und Führungskräfte-Coach tätig.

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